#7 Ist tüchtig das Gegenteil von faul?

Frau Susi denkt über Tüchtigkeit nach

Immer wieder höre ich „sie/er ist unglaublich tüchtig“, „was für eine tüchtige Person!“. Ich habe meistens nicht weitergedacht als „ja, sie/er ist tüchtig“. Arbeit, Familie, Kinder, Freunde, Haushalt, auch noch gut kochen, immer ein Lächeln auf den Lippen, sportlich, alles ist irgendwie immer gut, alles ist eine Opportunity, und so weiter und so fort. Ich wette, euch fallen auch solch strahlende und meist (nach außen) sehr positiv gestimmte Tüchtigkeits-Verkörperungen ein.

In einer leistungsorientierten Gesellschaft ist tüchtig sein wichtig. Aber was genau meinen wir damit? Viel erledigen, schaffen, abarbeiten, immer in Bewegung sein, Multitasking? Meist fällt mir das Wort tüchtig bei Personen ein, bei denen mir sonst nicht viel anderes einfällt. Ich habe den Duden zu Rate gezogen und da geht’s vor allem um sportliche Tüchtigkeit und Tüchtigkeit im Beruf, auch um gute Tauglichkeit in bestimmter Hinsicht. Hm. Ist der tüchtige Mensch auch ein (nach-)denkender Mensch? Vermutlich schon auch, zumindest ab und zu, Zeit hat er ja nicht viel dazu. Braucht es eine gewisse Einfalt um tüchtig zu sein? Ist Tüchtigkeit ein Wert an sich? Ich bin tüchtig und fertig? Wofür bin ich tüchtig? Wozu? Wie bin ich tüchtig? Für wen oder was? Ich denke, diese Fragen sind zu stellen. Tüchtigkeit ohne Bindung an etwas halbwegs Sinnvolles, scheint mir kein Wert zu sein.

Ich habe noch nie gehört, dass man einen Künstler als tüchtig bezeichnet hätte oder eine Musikerin. Ein tüchtiger Physiker? Eine tüchtige Philosophin? Nie gehört. Wieso nicht? Können diese Leute nichts? Sie schaffen ja auch was? Was macht die Tüchtigkeit einer tüchtigen Hausfrau aus? Fragen über Fragen. Tüchtig sind meist Unternehmer*innen, Handwerker*innen oder besonders gerne Gastwirt*innen. Ich habe beim Mittagessen meinen Mann befragt, wie er das sieht. Für ihn habe tüchtig sein vor allem mit etwas weiterbringen und der Schaffung materieller Werte zu tun. Die Welt des Tüchtigen sei meist eine etwas schlichte, meint er. Zum Beispiel möchte er nicht zu einem tüchtigen, sondern zu einem guten Arzt gehen. So weit so gut.

Mir ist das ganze tüchtig sein etwas suspekt. Dabei möchte ich aber nicht dem faul sein das Wort reden. Ist das Gegenteil von tüchtig faul? Ich glaube eher nicht. „Den Tüchtigen gehört die Welt.“ Wirklich? Manchmal denke ich mir etwas weniger Aktionismus und Tüchtigkeit täte unserer Welt gut. Aber ganz sicher bin ich mir da auch nicht. Vermutlich geht mir die Tüchtigkeit mancher Leute deswegen so auf den Geist, weil sie so geistlos ist? Und ich schätze sie bei Leuten, wenn es mit Klugheit, Verantwortungsgefühl und menschlicher Großzügigkeit einherzugehen scheint? Ich bin damit wieder beim Punkt von vorher: Tüchtigkeit an sich ist kein Wert, keine Auszeichnung. Wobei die Tüchtigkeit im Hintergrund wiederum die Tugend hat und die kommt wiederum von taugen. Die Frage, die also zu stellen wäre: taugt der tüchtige Mensch auch sonst was?

Nichtstun finde ich natürlich keine Alternative. Wobei auch hier die Frage ist: Was genau ist Nichtstun?

Meist hat zu viel Tüchtigkeit einen Hintergrund. Wenn ich an einige besonders tüchtige Personen denke, wird da etwas zugedeckt, aktiv drüber gebügelt. Ich bin keine Psychologin, aber eine gute Beobachterin und Fragen-Stellerin. Die jahrelange Arbeit mit Menschen und meine eigene Lebenserfahrung lassen mich recht entschlossen argumentieren: übermäßige Tüchtigkeit ist eher Kompensation als Souveränität. Wobei klar ist, jede und jeder hat seine Strategie irgendwie durchs Leben zu kommen.

Der Duden spricht auch von „etwas tüchtiges lernen“. Was soll das sein? Arzt, Apotheker oder Jurist? Oder sonst was, wo man genug Geld verdient? Ich muss bei tüchtig auch an Elfriede Jelinek und ihre Sprachkunst denken. Sie könnte jemanden beschreiben als „Tüchtig. Tüchtig. Tüchtig“. Da weiß man gleich was sie meint.

Auf einer Tüchtigkeits-Skala würde ich mich irgendwo in der Mitte ansiedeln. Ich bin weder ganz und gar nicht tüchtig, noch total tüchtig. Wenn es „zach“ wird, antworte ich eher mit Aktion, also aufräumen, ordnen… denn das gibt mir mehr Sicherheit. Aber das ist ein Notfallprogramm. Alles in allem bin ich dafür, das Wort weniger und überlegter zu verwenden. Irgendwie passt tüchtig zu einer Lebenseinstellung, die immer unzeitgemäßer wird. Dranzubleiben, nicht schnell aufzugeben, strukturiert vorzugehen, das finde ich alles wichtig. Aber wenn mir bei einer Person nicht viel mehr auffällt als ihre Tüchtigkeit, dann meide ich sie lieber. Aus Erfahrung weiß ich, das ist ein guter Wegweiser.  

Gerne lese ich eure Gedanken dazu. Mir ist klar, dass es vielen zu persönlich ist, hier öffentlich zu kommentieren. Bevor ich dieses Newsletter-Projekt startete, habe ich natürlich darüber nachgedacht, ob ich mich wirklich hinauslehnen möchte mit meinen Gedanken und Kommentaren. Für mich passt es, es war eine bewusste Entscheidung. Ich möchte mich an dieser Stelle aber sehr für eure WhatsApp und Mail-Nachrichten bedanken. Ich freue mich über jede Form der Rückmeldung!

Yours,

Frau Susi

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P.s. Die Volkskundlerin und Philosophin Elsbeth Wallnöfer, die ihr hier schon kennengelernt habt, war diese Woche mein Gast bei „Wie geht Zukunft?“. Wir haben uns über das Thema Heimat, identitätspolitische Instrumentalisierungen und die Zukunftstauglichkeit des Begriffs unterhalten.

Und auf meinem Sustainable Fashion Blog geht’s diese Woche um den globalen Secondhand Markt, um Gewinner und Verlierer und einen sehr interessanten Podcast der MoMA Kuratorin Paola Antonelli.

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